Hundeschule als gesellschaftlich erwartete Zwangsveranstaltung

„Ja klar, war ich dann im Welpenkurs, weil das ja fast schon ein perverser Zwang ist heutzutage. Zwei Mal, dann hatte ich keinen Bock mehr“. Die neue Kundin hat einen mittlerweile erwachsenen Terrier an der Leine, der tut was Terrier so tun und eigentlich keinen Bock auf Training, aber noch weniger Bock darauf, dass Klischee der älteren Person mit unerzogenem Hund zu erfüllen. Also „lasse ich hier nochmal die Hosen runter und gebe zu, dass ich unzulänglich bin“.

Der Termin hat mich ganz schön nachdenklich gemacht. Da kauft sich jemand einen Welpen weil man einen Hund haben möchte und geht auf gesellschaftlichen Druck zur Hundeschule obwohl man keinen Bock hat. Seit wann gibt es denn eine Hundeschulpflicht? Warum kann man Leute, die keinen Bock haben und keinen Bedarf sehen nicht in Ruhe lassen?

Diese Person hat jetzt das Bild aufgrund persönlicher Unzulänglichkeit „alles vermurkst“ zu haben und niemand hat ihr jemals gesagt, dass ein Terrierrüde auch eigene Ideen entwickelt und sich deshalb an der Leine benimmt wie ein Arsch- stattdessen Vorwürfe und Druck, Dinge zu tun die man nicht möchte.

Mal ganz grundsätzlich sollten wir alle darüber nachdenken, ob es nicht völlig okay ist, sich einen Hund zum Vergnügen zu kaufen und auf pädagogische Angebote zurückzugreifen, wenn sie für die Person subjektiv sinnvoll sind und diese eben nicht zur gesellschaftlichen Verpflichtung zu erklären. Viele Jahre sind Menschen auch ohne Hundeschule glücklich geworden und ich bin sicher dass viele das auch heute werden.

In diesem Sinne- ich freue mich auch über Kund*innen ohne Hundeschulkarriere 😉

Das Foto hat @maryknipstdogs gemacht

Leben mit Qualzuchtmerkmalen

„Man weiß bei einem Dackel nie, welche Sorte Tränen man gerade in den Augen hat: Solche des Lachens, der Liebe oder der Wut. In einer Dackelseele menschelt es wie in keiner anderen Hundeseele.“

Horst Stern (Reprint 1994): Bemerkungen über Hunde: 118

Seit ein paar Tagen wohnt der Dackel bei mir. Richtig guter Typ, aber ein Hund welcher aus meiner Sicht unter Paragraf 11b des Tierschutzgesetzes fällt. Zu nennen sind seine Skelettanomalien (Chondrodystrophie)- Dackel leiden unter einer genetisch bedingten Störung der Knorpel- und Knochenbildung, die zu Zwergwuchs und verkürzten Röhrenknochen führt. Hinzu kommen Bandscheibenprobleme (Dackellähme): Der im Verhältnis zum Körper lange Rücken in Verbindung mit den kurzen Beinen führt zu einer extremen Belastung der Wirbelsäule. Dies prädisponiert Dackel für Bandscheibenvorfälle, die mit starken Schmerzen, Lähmungen und neurologischen Schäden einhergehen können. Von der Erläuterung der Probleme mit seiner Farbe sehe ich an dieser Stelle ab.

Ich hätte keinen Dackel aus einer Zucht gekauft, auch Rudi nicht. Er saß im Tierheim und passt ganz hervorragend in meine Gruppe. Dennoch werde ich sein Leben lang besondere Rücksicht auf ihn nehmen müssen- Gewichtskontrolle, gute Muskulatur, Vermeiden von Sprüngen und Treppen. Außerdem muss er andauernd angezogen werden, weil er ständig friert.

Und das muss ich schreiben, da ich Teil des Mere-Exposure-Effekts bin, welcher erklärt, wie eine wiederholte, unbewusste Exposition gegenüber einer Sache (wie bestimmten Hunderassen) zu einer positiveren Bewertung führt, was die fortgesetzte Beliebtheit von Qualzuchten begünstigt. Da Qualzuchten häufig in den Medien, der Werbung und im Internet zu sehen sind, empfinden viele Menschen eine starke Vertrautheit mit diesen Tieren, was sie unwissentlich sympathischer und attraktiver erscheinen lässt. Diese Vertrautheit wird zur positiven Bewertung, selbst wenn der erste Eindruck neutral war, und überlagert oft die Bedenken bezüglich der gesundheitlichen Nachteile.

Kurz und gut: kauft keine Qualzucht.

Ihr solltet aber unbedingt Fotos bei Maria Brinkopp machen lassen, die sind nämlich wunderbar 😎 Vielen Dank @maryknipstdogs!

Erziehung als Beziehungsgestaltung

Hunde sind hochsoziale Lebewesen – sie benötigen Struktur, verlässliche Beziehungen & Vorhersehbarkeit im Sozialverband. Studien (u.a. Sachser 2018) zeigen, dass klare soziale Strukturen zu geringerer Belastung innerhalb von Gruppen führen.

Zur Etablierung klarer sozialer Strukturen gehört eben auch eine Rückmeldung, wenn ein Verhalten unangemessen ist. Mit anderen Worten Strafe- im Hundetraining wird oft mit operanter Konditionierung argumentiert, also Lernen durch Erfolg und Misserfolg. Ich halte die Realität jedoch für komplexer. Hunde sind keine Reiz-Reaktions-Maschinen, sondern soziale Wesen mit eigenen Bedürfnissen und Emotionen. Deshalb geht es bei der Erziehung nicht nur um das Auslösen oder Vermeiden von Verhalten, sondern um Kommunikation und das Etablieren einer sozialen Struktur. Und dies betont auch Dorit Feddersen- Petersen in einem Interview: „[…] es geht für mich vorrangig um das Leben und Entwickeln des Sozialen zwischen Mensch und Hund, es geht um Sozialisation, Beziehung und Bindung. Hunde und Menschen leben in einer sozialen Beziehung und die muss etabliert und sollte entsprechend gelebt werden. Hunde werden erzogen, also mit den Regeln in der Gruppe vertraut gemacht, in die vorliegende Gruppensituation eingepasst. Diese Regeln werden kommuniziert, von einem Menschen mit Gefühlen, und haben mit der Beziehung/Bindung zwischen Hund und Mensch zu tun, bedeuten also für den Hund soziale Sicherheit und gutes Aufgehobensein.“

Klare Regeln und Grenzen sind dabei kein Zeichen von Härte, sondern von Fürsorge. Und manchmal bedeutet Erziehung auch, unangemessenes Verhalten zu korrigieren. „Was Lob ist & was Strafe, bestimmt der Empfänger“- wie eine Rückmeldung zu unangemessenem Verhalten aussieht, kann sich also von Hund zu Hund sehr unterscheiden.

Erziehung ist also mehr als Dressur – es geht um soziale Integration und das Wohlbefinden des Hundes. Klare Regeln geben Sicherheit und sind ein Zeichen der Wertschätzung. Wenn ich ’streite‘, kümmere ich mich um eine harmonische Beziehung, die auf gegenseitigem Respekt basiert.

Sachser, Norbert (2018): Der Mensch im Tier. Rowohlt Verlag.

Foto: @maryknipstdogs