Achtsamkeit am Arsch. Der Dackel will ins Auto.

Es gibt Hundetrainer, die morgens offenbar schon Yoga mit Hund gemacht haben, bevor andere Menschen überhaupt wissen, welcher Wochentag ist. Achtsam natürlich. Danach wird der Hund mit einer Bambusbürste verwöhnt, anschließend geht es drei Stunden durch den Wald. Ohne Stress. Ohne Ziehen. Ohne Pöbeln. Ohne einen einzigen unpädagogischen Gedanken. Danach gibt es Wildfleisch aus glücklicher Herkunft, Chiasamen, Kräuter und vermutlich noch einen Klecks emotionale Verfügbarkeit oben drauf. Alles perfekt. Vor allem perfekt ausgeleuchtet.
Ich dagegen wache morgens auf und hoffe kurz, dass der Zettel an meinem Zeh nur die Waschanleitung der Bettwäsche ist, die ich vermutlich wieder falsch herum bezogen habe. Vor dem Bett stehen die Hunde und freuen sich, dass ich Lebenszeichen von mir gebe. Vermutlich hatten auch sie kurz überlegt, ob ich tot bin.
Patti hingegen ist sich völlig sicher, dass heute der beste Tag ihres Lebens wird. Genau wie gestern. Und vorgestern. Und an jedem einzelnen Tag seit ihrer Geburt. Ich schlurfe zur Kaffeemaschine. Der Dackel dreht sich im Bett noch einmal um. Seamus verschwindet vorsichtshalber in seiner Kiste. Der Superschurke weiß: Morgens ist der Draht dünn. Schurkereien werden vor dem ersten Kaffee nicht differenziert betrachtet, sondern drakonisch geahndet.
Auf dem Weg zur Kaffeemaschine fällt mein Blick auf den Kalender. Termin. Vergessen. Jetzt aber fix. Kaffee runter, Dusche. Der Dackel ist inzwischen aufgestanden und räumt meine sauberen Klamotten aus dem Badezimmer welche ich zum Zwecke des Tragens vor der Dusche platziert hatte. Patti hält unbeirrt daran fest, dass dieser Tag spektakulär wird. Bärbel grüßt aus sicherer Entfernung.
Beim Gassi merke ich, dass ich Leinen vergessen habe. Es regnet. Ich versuche trotzdem, achtsam zu sein. Ganz im Moment. Ganz bei mir. Ganz beim Hund. Bis mir auffällt, dass ein Hund fehlt. Der Dackel ist wegen des Wetters schon mal zurück zum Auto gegangen. Kann man ihm nicht übel nehmen. Wer läuft schon freiwillig auf Lego?
Den Termin schaffe ich trotzdem pünktlich. Die Hunde sind voller Matsch, weil sie jede Pfütze persönlich auf ihre Eignung als Ganzkörperbad geprüft haben. Anschließend gibt es Trockenfutter. Kein Wild. Keine Kräuter. Keine Chiasamen. Keinen Sonnenaufgang und auch keinen Sonnenuntergang. Trockenfutter. Aus dem Sack. So wird das natürlich nichts mit der Karriere als Hunde-Influencerin.
Wobei ich mich da gar nicht so bequem rausnehmen kann. Ich bin Hundetrainerin. Ich bin also Teil dieses Spiels. Ich verkaufe Training. Ich zeige Hunde. Ich zeige Situationen, Entwicklungen, Lösungen. Und natürlich ist auch das immer eine Auswahl. Niemand sieht den ganzen Tag. Niemand sieht jeden genervten Moment, jede schlechte Entscheidung, jedes Training, das nicht funktioniert, jeden Hund, bei dem ich denke: „Ach komm. Echt jetzt?“
Und bevor ich Hundetrainerin war, war ich selbst genau die ambitionierte Hundehalterin, die anderen hinterhergeschaut hat. Die gesehen hat, was deren Hunde konnten. Wie ruhig sie wirkten. Wie sauber sie liefen. Wie souverän diese Menschen aussahen. Und die dachte: Da muss ich hin. So muss das aussehen. So muss man das machen. Ich habe Menschen nachgeeifert, deren Ausschnitt ich gesehen habe, und meinen kompletten Alltag damit verglichen. Was im Rückblick natürlich ziemlich unfair war. Vor allem mir selbst gegenüber.
Vielleicht macht mich genau das heute so empfindlich für diese Hochglanzwelt. Denn auf Social Media wird nicht einfach nur gezeigt, wie schön das Leben mit Hund sein kann. Es wird sehr häufig gezeigt, wie schön es bei DIR offenbar nicht ist. Das ist ein kleiner, aber wirtschaftlich ausgesprochen brauchbarer Unterschied.
Mein Hund ist entspannt. Deiner hat Themen. Mein Hund läuft frei. Deiner braucht Management.
Mein Hund kommuniziert fein. Deiner pöbelt. Ich bin ruhig, klar, liebevoll und konsequent. Du bist vermutlich inkonsequent, gestresst und hast irgendwie die Beziehung kaputtgemacht. Aber keine Sorge. Dafür gibt es ja Kurse. Und Coachings. Und Webinare. Und Workshops. Und selbstverständlich Zubehör.
Seamus zum Beispiel besitzt einen Maulkorb. Der ist abgestoßen. Nicht „Vintage“. Nicht „Used Look“.
Nicht „handveredelt“. Abgestoßen. Weil er ihn tatsächlich benutzt. Der Influencerhund besitzt dagegen vermutlich ein handgefertigtes Modell in Salbeigrün mit Messingbeschlägen, individueller Namensprägung und farblich abgestimmter Leine. Und irgendwo darunter steht dann zuverlässig:
„Weil so viele von euch gefragt haben …“ Nein. Haben wir nicht. Aber jetzt wissen wir zumindest, dass unser Maulkorb offenbar nicht nur funktional, sondern auch optisch ein persönliches Versagen ist.
Und genau so läuft es. Erst zeigst du ein Ideal. Dann entsteht die Distanz zwischen diesem Ideal und dem Alltag anderer. Und dann verkaufst du ihnen die Lösung. Zum Glück sogar mit zehn Prozent Rabatt. Mit dem Code **ACHtsam10**. Und bevor jetzt der Eindruck entsteht, ich würde mit dem Finger nur auf andere zeigen: Auch ich verdiene mein Geld damit, Menschen bei Problemen mit ihren Hunden zu helfen. Natürlich tue ich das. Das Problem ist nicht, Training zu verkaufen. Das Problem beginnt dort, wo man Menschen erst das Gefühl geben muss, unzulänglich zu sein, damit sie es kaufen.
Denn ein zufriedener Hundehalter ist als Kunde ausgesprochen lästig. Der braucht nämlich nicht ständig etwas. Viel praktischer ist der Hundehalter, der sich fragt, ob sein Hund wirklich genug ausgelastet ist. Ob Trockenfutter vielleicht doch lieblos ist. Ob seine Leine professionell genug aussieht.
Ob sein Hund genügend Bindung hat. Ob er zu wenig trainiert. Zu viel trainiert. Falsch trainiert.
Nicht achtsam genug trainiert. Ob der Hund wirklich glücklich ist. Oder ob man womöglich versehentlich seit acht Jahren alles falsch macht. Perfektion verkauft. Aber Unsicherheit verkauft besser. Und Scham ist dabei ein erstaunlich wirksamer Verstärker. Denn wer denkt: „Mein Hund ist schwierig“ sucht vielleicht Unterstützung. Wer denkt:„Ich bin offenbar nicht gut genug für meinen Hund“ sucht Erlösung. Und die lässt sich hervorragend paketieren. Im Webinar. Im Coaching. Im Onlinekurs. Im Bundle. Mit kostenlosem Versand. Und natürlich mit **ACHtsam10**.
Genau deshalb finde ich die dauerperfekte Hundewelt inzwischen nicht nur albern. Ich finde sie manchmal ziemlich unehrlich. Und ich sage „inzwischen“ ganz bewusst. Denn ich habe lange genug selbst geglaubt, da draußen gäbe es Menschen, bei denen es wirklich immer so aussieht. Heute weiß ich:
Hunde sind nicht permanent ausgeglichen. Menschen sind nicht permanent geduldig. Training funktioniert nicht immer. Beziehungen sind nicht ständig harmonisch. Auch Hundetrainer haben Hunde, die pöbeln. Hunde, die nicht hören. Hunde, die nerven. Hunde, die Dinge können, die sie eigentlich nicht tun sollten. Man vergisst Leinen. Man wird genervt. Man hat keine Lust. Der Rückruf ist plötzlich eine unverbindliche Meinungsäußerung. Und manchmal trägt der Hund eben einen Maulkorb, der aussieht, als hätte er schon einen Krieg überlebt. Das bedeutet nicht automatisch, dass da jemand versagt hat. Es bedeutet eventuell einfach nur: Da lebt jemand tatsächlich mit Hunden.
Meine Hunde sind jedenfalls nicht perfekt. Ich übrigens auch nicht. Und ich will auch gar nicht mehr so tun, als wäre das Voraussetzung dafür, fachlich etwas zu können. Sie sind laut, matschig, eigenwillig und gelegentlich ausgesprochen ungezogen. Und ich werde vermutlich niemals morgens um sechs im Leinenoutfit aus Naturfasern mit ihnen im Sonnenaufgang meditieren.
Aber Patti ist immer noch überzeugt, dass heute der beste Tag ihres Lebens ist. Der Dackel wird beim nächsten Regen wieder versuchen, den Spaziergang eigenmächtig zu beenden. Und Seamus trägt weiterhin seinen hässlichen, abgestoßenen Maulkorb. Ganz ohne Blingbling. Ganz ohne Kooperation. Und ganz ohne Rabattcode **ACHtsam10**. Scheint ihnen erstaunlicherweise trotzdem ganz gut zu gehen.
Vielen Dank für das Bild liebe Elke Vogelsang (www.elkevogelsang.com)
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