Warum Hundetraining oft nicht funktioniert – eine systemtheoretische Perspektive

Die Schwierigkeiten im Hundetraining werden häufig auf mangelnde Konsequenz, fehlende Motivation oder ungeeignete Trainingsmethoden zurückgeführt. Eine systemtheoretische Perspektive nach Niklas Luhmann eröffnet jedoch einen anderen Blickwinkel. Sie lenkt die Aufmerksamkeit weniger auf individuelle Fehler als auf die Eigendynamik der beteiligten Systeme und ihre wechselseitigen Anpassungsprozesse.

Luhmann beschreibt lebende und soziale Systeme als autopoietische Systeme. Autopoiesis bedeutet, dass Systeme ihre eigenen Strukturen fortlaufend selbst reproduzieren und erhalten (Luhmann, 1984). Systeme reagieren zwar auf Einflüsse aus ihrer Umwelt, sie übernehmen diese jedoch nicht unmittelbar. Vielmehr verarbeiten sie Reize nach ihrer jeweils eigenen inneren Logik.

Übertragen auf das Hundetraining bedeutet dies zunächst, dass weder der Hund noch der Mensch passiv auf Trainingsmaßnahmen reagieren. Beide verfügen über etablierte Verhaltensmuster, die sich im Alltag bewährt haben und deshalb immer wieder reproduziert werden. Der Hund zeigt beispielsweise ein bestimmtes Verhalten – etwa Ziehen an der Leine, Anspringen von Besuchern oder verspätetes Reagieren auf Rückrufsignale –, weil dieses Verhalten in seiner bisherigen Erfahrungswelt erfolgreich war oder zumindest nicht dauerhaft unterbrochen wurde. Gleichzeitig entwickelt auch der Mensch stabile Handlungsmuster: Er wiederholt bestimmte Kommandos, reagiert in vorhersehbarer Weise auf unerwünschtes Verhalten oder verändert sein eigenes Verhalten unbewusst, um Konflikte zu vermeiden.

Systemtheoretisch betrachtet stabilisieren sich solche Muster durch fortlaufende Wiederholung. Das Problem besteht deshalb häufig nicht darin, dass Hund oder Halter „nicht lernen wollen“, sondern darin, dass bestehende Verhaltensstrukturen eine hohe Beharrungskraft besitzen. Veränderung bedeutet immer auch, bewährte Routinen aufzugeben und neue Unsicherheiten zuzulassen.

Kommunikation zwischen den Systemen

Hinzu kommt, dass Kommunikation zwischen Mensch und Hund keineswegs selbstverständlich ist. Hunde reagieren nicht auf die Bedeutung menschlicher Sprache, sondern auf Signale, Kontextinformationen und Lernerfahrungen. Zahlreiche Studien zur sozialen Kognition von Hunden zeigen zwar, dass Hunde außergewöhnlich gut darin sind, menschliche Gesten und Aufmerksamkeitshinweise zu nutzen (Hare & Tomasello, 2005). Dennoch interpretieren sie menschliche Signale aus ihrer eigenen Perspektive und nicht aus der Sicht des Menschen. Zwischen menschlicher Absicht und tierischer Wahrnehmung entsteht daher häufig eine Differenz.

Aus systemtheoretischer Sicht lässt sich dies als Problem unterschiedlicher Beobachtungsweisen beschreiben. Der Mensch interpretiert das Verhalten des Hundes häufig über Kategorien wie Gehorsam, Ungehorsam, Aufmerksamkeit oder Respekt. Der Hund hingegen orientiert sich an Konsequenzen, Erwartungen und situativen Bedingungen seiner Umwelt. Beide Seiten „beobachten“ dieselbe Situation, jedoch nach unterschiedlichen Kriterien. Missverständnisse sind daher nicht Ausnahme, sondern ein normaler Bestandteil der Mensch-Hund-Beziehung.

Luhmanns Konzept der Beobachtung zweiter Ordnung kann hier zusätzliche Erkenntnisse liefern. Statt lediglich das Verhalten des Hundes zu bewerten, richtet sich der Blick auf die Frage, nach welchen Unterscheidungen Mensch und Hund ihre Umwelt wahrnehmen. Während der Halter vielleicht zwischen „erfolgreichem“ und „unerfolgreichem“ Training unterscheidet, orientiert sich der Hund möglicherweise an den Kategorien „sicher oder unsicher“, „lohnend oder bedeutungslos“ oder „annähern oder vermeiden“. Viele Trainingsprobleme entstehen nicht, weil eine Seite falsch liegt, sondern weil beide Seiten unterschiedliche Wirklichkeiten konstruieren.

Die strukturelle Kopplung von Mensch und Hund

Obwohl Mensch und Hund jeweils eigenständige Systeme bleiben, sind sie eng miteinander verbunden. Luhmann bezeichnet solche dauerhaften Verbindungen als strukturelle Kopplungen. Dabei können Systeme einander nicht direkt steuern, sie beeinflussen jedoch fortlaufend die Bedingungen, unter denen das jeweils andere System operiert.

Die Mensch-Hund-Beziehung ist ein besonders anschauliches Beispiel für eine solche strukturelle Kopplung. Der Hund orientiert sich an den Verhaltensweisen, Emotionen und Routinen seines Menschen. Gleichzeitig passt der Mensch seinen Tagesablauf, seine Bewegungen und seine Entscheidungen an den Hund an. Beide Systeme entwickeln dadurch über die Zeit gemeinsame Erwartungen.

Diese wechselseitige Anpassung erklärt, weshalb Veränderungen häufig schwieriger sind als erwartet. Wenn ein Hund über Jahre gelernt hat, dass Ziehen an der Leine letztlich zum gewünschten Ziel führt, hat nicht nur der Hund ein stabiles Muster entwickelt. Auch der Mensch hat gelernt, dieses Verhalten zu tolerieren oder darauf in vorhersehbarer Weise zu reagieren. Das Verhalten wird dadurch Teil eines gemeinsamen Systems und nicht lediglich zu einer Eigenschaft des Hundes.

Die Bedeutung von Irritationen

Besonders relevant wird dieser Gedanke, wenn man die Beziehung zwischen Mensch und Hund als ein dauerhaftes Interaktionssystem betrachtet. Über die Zeit entstehen gemeinsame Routinen, Erwartungen und Kommunikationsmuster. Diese Strukturen schaffen Stabilität und Vorhersagbarkeit, erschweren aber zugleich Veränderungen.

Aus systemtheoretischer Sicht können Systeme nicht direkt gesteuert werden. Sie können lediglich irritiert werden. Irritationen sind Ereignisse, die bestehende Erwartungen infrage stellen und das System dazu veranlassen, neue Möglichkeiten der Verarbeitung zu entwickeln.

Genau darin liegt die eigentliche Aufgabe von Hundetraining. Erfolgreiches Training erzeugt nicht einfach neues Verhalten, sondern schafft Bedingungen, unter denen bestehende Verhaltensmuster ihre Selbstverständlichkeit verlieren. Neue Belohnungsstrukturen, veränderte Umweltbedingungen oder ein anderes Verhalten des Menschen können solche Irritationen auslösen.

Allerdings garantiert eine Irritation noch keine Veränderung. Systeme übernehmen nur jene Neuerungen, die sich langfristig in ihre eigene Struktur integrieren lassen. Deshalb reicht es selten aus, ein Verhalten einmal erfolgreich zu trainieren. Erst durch Wiederholung, Stabilisierung und Einbettung in den Alltag entsteht eine neue Verhaltensroutine.

Lerntheorie und Systemtheorie: Zwei Perspektiven auf dasselbe Phänomen

Die klassische Lerntheorie und die Systemtheorie widersprechen sich dabei nicht, sondern ergänzen sich. Die Lerntheorie erklärt, durch welche Mechanismen Verhalten aufgebaut oder verändert wird. Positive Verstärkung erhöht beispielsweise die Wahrscheinlichkeit eines Verhaltens, während fehlende Verstärkung dessen Auftreten reduziert (Skinner, 1953).

Die Systemtheorie beantwortet hingegen eine andere Frage: Warum halten sich bestimmte Verhaltensmuster trotz Trainingsmaßnahmen so hartnäckig?

Ihre Antwort lautet: Weil Verhalten nie isoliert auftritt, sondern Teil eines stabilen Beziehungs- und Erwartungsgefüges ist. Wer Verhalten verändern möchte, muss daher häufig nicht nur den Hund, sondern auch die Interaktion zwischen Hund, Mensch und Umwelt verändern.

Fazit

Aus systemtheoretischer Perspektive erscheint das Scheitern von Hundetraining nicht als Ausdruck mangelnder Intelligenz oder fehlender Motivation auf Seiten des Hundes oder seines Menschen. Vielmehr verweist es auf die grundsätzliche Eigenschaft lebender und sozialer Systeme, bestehende Strukturen zu erhalten.

Hundetraining wird damit zu einem Prozess der gemeinsamen Veränderung. Nicht nur der Hund lernt, sondern auch der Mensch. Beide müssen etablierte Erwartungen verlassen und neue Formen der Interaktion entwickeln. Die größte Herausforderung besteht deshalb oft nicht darin, ein neues Verhalten aufzubauen, sondern eine neue Stabilität zu schaffen.

Gerade darin liegt die vielleicht wichtigste Erkenntnis der Systemtheorie für die Hundeerziehung: Nachhaltige Veränderung entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch die Gestaltung von Bedingungen, unter denen neue Verhaltensmuster für alle Beteiligten anschlussfähig werden.

Zum Weiterlesen

  • Hare, B., & Tomasello, M. (2005). Human-like social skills in dogs? Trends in Cognitive Sciences, 9(9), 439–444.
  • Luhmann, N. (1984). Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Maturana, H. R., & Varela, F. J. (1980). Autopoiesis and Cognition: The Realization of the Living. Dordrecht: Reidel.
  • Miklósi, Á. (2015). Dog Behaviour, Evolution, and Cognition (2. Aufl.). Oxford University Press.
  • Overall, K. L. (2013). Manual of Clinical Behavioral Medicine for Dogs and Cats. Elsevier.

Das Foto ist von der großartigen Elke Vogelsang

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